Montag, 20. März 2017

Ein Schritt vor, zwei zurück

Seit einer Woche sind sie nun da, die beiden alten Haudegen.

Am Montag (13.03.) bin ich erstmal eine kleine Runde ohne meine Wildfänge marschiert. Die Alten sollten die Gegend kennen lernen und in Ruhe das Terrain erkunden. Klappte ganz gut, obwohl ich ziemlich nervös war. Chardonnay zeigte sich unbeeindruckt, Merlot testete mich ein wenig. Sie sollte hinter Chardonnay laufen, drängte aber immer wieder nach vorne. Insgesamt eine ruhige Runde.

Dienstags und Mittwochs war ich anderweitig beschäftigt, keine direkte Interaktion mit den Kamelen erfolgt. Ali spinnt noch immer, "bitte nicht anfassen" ist ihre Devise. Ich lasse sie in Ruhe.

Je länger die Gäste da sind, um so mehr missfällt mir Chardonnays Erscheinungsbild. Während der beiden country shows wurde ihr Leib mehr oder weniger von großen farbenprächtigen Decken umhüllt. Hier steht sie 'nackt' herum. Total knöcherig ist sie. Der Höcker - obwohl Fettspeicher und in ansprechender Größe vorhanden - sagt offensichtlich nichts über den körperlichen Zustand aus. Man sieht die Rippen, fühlt das Kreuzbein, die Hüfthöcker ragen deutlich sichtbar hervor. Sie frißt brav, aber sehr sehr langsam. Alle anderen sind schon seit Ewigkeiten mit ihrem Frühstück fertig, da hat Chardonnay noch nicht mal richtig angefangen. Ich lasse die Mannschaft am Zaun angebunden stehen, bis die alte Lady fertig ist. Wahrscheinlich wird sie immer wieder von den besten Futterquellen weggedrängt. Sie gibt sofort nach, wenn ein anderes Kamel etwas fordert. Natürlich muss Laila ihre Grenzen testen und malträtiert die Ärmste. Übliches Scenario: mit der Breitseite pushen, Hals über Hals legen und in die Vorderbeine beißen, in die Flanken beißen ... Chardonnay brüllt wie am Spieß und lässt sich hinfallen, wehrt sich kein bisschen.
Sicherheitshalber habe ich eine Kotuntersuchung duchgeführt, und siehe da, obwohl der Kot fest und geformt ist, konnte ich jede Menge Strongyliden Eier entdecken. Ich teilte den Befund dem Besitzer mit, der kam dann Donnerstag abends, um mit mir zusammen die Alten zu entwurmen. Was für eine Aktion! Chardonnay ging ja noch. Die brüllt sofort, wenn sie etwas harscher angefasst wird. Da ist es dann einfach, ihr das Entwurmungsmittel ins offene Maul zu spritzen. Merlot leistete erklecklichen Widerstand, schaffte es, eines meiner Seile durchzureißen und mir einen gewaltigen blauen Flecken am linken Unterarm zu verpassen. Irgendwann hatte auch sie das Zeug geschluckt.

Die Gunst der Stunde nutzend bat ich Danny mir mit meinen Tieren zu helfen. Ich wollte Jamahl einen Mikrochip verpassen und gegen Tetanus impfen. Hätte ich auch alleine machen können - irgendwann, irgendwie. Ich hoffte, Jamahl checkt das nicht, dass ich die Böse bin die ihn piekst - er wird ja von jemand anderem gehalten, also muss derjenige die Bedrohung sein. So habe ich mir das halt gedacht. Wäre gar nicht nötig gewesen, so kompliziert zu denken: Jamahl hat noch nicht einmal mit der Wimper gezuckt. Weder bei der Impfung in den Brustmuskel, noch bei dem massiven Stich in den Halsmuskel, um den Mikrochip zu implantieren. Guter Junge.

Dann noch Ali. Ich klagte mein Leid, dass sie 'Blümchen-rühr-mich-nicht-an' spielt und Danny fand das auch nicht lustig. Er schnappte sich Chardonnay und ging auf Ali zu. Die roch den Braten und ließ die beiden nicht in ihre Nähe. Nach ein paar Minuten nachlaufen spielen, sucht Ali Schutz bei Laila, die angebunden am Zaun stand. Danny und Chardonnay drängten sie immer mehr Richtung Zaun, ich bewegte mich nahe an Laila und als Ali ganz nahe an Laila lehnte, konnte ich ihr Halsband zu fassen kriegen. Pech gehabt, ich lasse nicht mehr los. Wenn sie erst einmal fixiert ist, leistet sie eh keinen Widerstand mehr. Nur Protestgebrüll und Spuckattacken folgen noch. Jedenfalls legten wir ihr Hobbels an, da kann sie mir nicht mehr wegrennen.

So konnte ich Freitag und Samstag Ali jeweils nach kurzer Jagd einfangen. Ich habe echt keine Lust mehr, mit der Methode Streichelweich und Pipapo weiterzumachen. Sie hat zu parieren. Aus. Sie braucht mich nicht zu mögen. Ich sorge für sie, sie wird nicht misshandelt, es liegt kein Grund vor, sich nicht einfangen und manipulieren zu lassen. Samstags morgen kam Chardonnay wieder zum Einsatz: sie vorneweg und Ali hintendran. So sind wir eine recht große Runde über das westliche Nachbargrundstück und auf dem Rückweg sogar auf der Straße marschiert. War ganz schön aus der Puste, Chardonnay macht große Schritte und geht zügig voran. Ali hatte ein-, zweimal mit ihrer sonst so bewährten Methode versucht den Marsch zu boykottieren (Anlauf nehmen, am Leittier vorbeirennen, sich quer vor einem hinstellen), wurde allerdings durch das kurze Seil und der stoischen Gleichmut der Alten am Erfolg gehindert. Ein kleiner Triumph.

Am Sonntag musste ich die Hobbels entfernen, die Haut um die Fußgelenke war wundgescheuert. Jetzt trägt Ali wieder ein Halfter mit einem Schleppseil, und zwar ein sehr langes - ungefähr 6 m - dass ich greifen kann, auch wenn sie noch weiter weg ist. Da entfällt auch die Sprinterei über die Koppel. Da ich vormittags auf eine Stroh- und nachmittags auf eine Heulieferung ('I'll be there shortly'  Haha)  wartete, konnte ich nicht weg und ließ das Training ausfallen.

Also heute, am Montag weitermachen. Diesmal wollte ich Laila an Chardonnay anbinden. Mit Sattel. Nachdem der Sattel bereits zweimal runtergefallen war, nachdem Laila sich erhob, war das heute wieder eine Herausforderung. Vor allem, da ich schon schweißgebadet und erschöpft durch die Aktionen von Ali war. Dieses Rabenas. Einfangen war ja nicht so schwer, aber ihr die Beine in hoosh-Position zu fixieren! Hundert mal sprang sie wieder auf, als ich mich näherte und sie mit dem Gurt berührte. Immer und immer wieder Befehl zum niederlegen geben. Zum wahnsinnig werden. Irgendwann war die Aktion  erfolgreich durchgeführt, auch die verhasste Decke habe ich ihr noch übergelegt. Das sie sich komplett angeschissen hat, braucht eigentlich keine extra Erwähnung.

Der Sattel war erstaunlich schnell aufgelegt und gut fixiert. Laila stand auf, und das Drum blieb oben. Laila an Chardonnay binden und ab die Post.


Wir erreichten die westliche Grundstücksgrenze, gingen durchs Tor, durch den creek und ... und... nein!!! Laila bekam einen Tobsuchtsanfall. Sie wollte nicht weiter, schaute immer wieder zurück, konnte ihre zurückgebliebenen Kumpel nicht mehr sehen und hören. Die arme Chardonnay. Laila zog, drückte sich gegen die Alte, versuchte sie zu beißen, schmiss sich auf sie, ... ein totales Chaos. Ich schrie, Chardonnay brüllte, ich rammte ununterbrochen meinen Stock in den tobenden Kamelkörper - zum einen, um sie auf Distanz zu halten, zum anderen, um sie zu maßregeln. Mittlerweile hatte sich Chardonnay fallen lassen, saß da wie ein Fels in der Brandung. Irgendwann konnte ich Laila dazu bringen, sich ebenfalls niederzuhooshen, hoffte auf etwas Beruhigung. Die Ruhe währte nur kurz. Sofort als ich den Befahl zum weitermarschieren gab, fing Laila wieder an mit ihrer Rangelei. Ich war der Erschöpfung nahe. Es gelang mir sie Richtung Zaun zu buksieren. Dort löste ich das Seil, welches die beiden miteinander verband, fixierte Laila an einen Baum und ging mit Chardonnay weiter. Ließ den Meuterer einfach stehen und ihr die Zeit, etwas nachzudenken. Weiß nicht, ob es geholfen hat. Nachdem ich die Alte zurück zur Koppel gebracht hatte, schnappte ich mir ein Hilfsseil, die nose-line und ging zurück zur Laila. Widerstand zwecklos - nose-line muss sein. Nach einem kurzen Disput hatte ich mein Ziel erreicht und führte sie zurück zu ihren Kumpels.

Drei Stunden Stress, um 15 min spazieren zu gehen. Ich war reif für die Insel - auf jeden Fall für ein entspannendes Schaumbad.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen